Die Wandbilder von Otto Dix

Otto Dix (1891-1969) zählt zu den bedeutendsten Künstlern Deutschlands.
Bis heute wird er als neusachlicher Maler beachtet – mit Werken, die in der deutsch-deutschen Kunstgeschichte unterschiedliche, ja gegensätzliche Deutungen erfahren haben.
Dass das Oeuvre von Otto Dix aber auch Wandmalereien und ein spätexpressionistisches Spätwerk aufweist, ist immer noch zu wenig bekannt.

Erstmals führte Otto Dix 1932 ein dreiteiliges Wandbild für den Neubau des Deutschen Hygiene-Museum Dresden, dann nochmals 1938 für den Gartenpavillon des Hauses Fritz Nischer in Chemnitz aus. Beide wurden im "3. Reich" zerstört. Auch in späteren Jahren hat Otto Dix Aufträge angenommen, doch handelt es sich dabei immer um Tafelbilder oder Glasfenster.

So befinden sich heute die einzig erhaltenen Wandbilder (1960) von Otto Dix im Singener Rathaus.

War die Ausgestaltung der Wände des Singener Standesamtes mit einer Paradiesdarstellung sowie einer Abfolge der Jahreszeiten und Lebensalter eine "Dreingabe" des Malers, so ist das Wandbild "Krieg und Frieden" (5 x 12 m) im Ratssaal als Hauptwerk anzusehen. Mit diesem positionierte sich der Künstler in der Kunstdebatte seiner Zeit. Es belegt nicht allein Dix´ Ansehen, sondern auch eine für die Nachkriegszeit charakteristische Kunstanschauung.

Technik und Ausführung

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Dix realisierte das späte Singener Wandbild nach der Methode Kurt Wehltes (Stuttgart) in der Keimschen Mineralfarben-Technik A auf Silikatputz. Erst die abschließende Aufbringung eines Fixativs auf die Malerei erzeugt den Fresko-Effekt. In Vorzeichnungen wurde das Wandbild entwickelt und mit Hilfe maßstäblicher Kartons und des Quadratnetzes von Dix und seinen Helfern auf die Wand übertragen.

Die Mitwirkung des aus Dresden beigezogenen Dix-Schülers Ernst Bursche ist dabei eine interessante Fußnote zur deutsch-deutschen Kunstgeschichte und erhellt Dix´ hervorragende Kontakte in die DDR, in die er von 1949 bis 1967 jährlich reiste.

Gehalt und Komposition

Das gut erhaltene, querformatige Wandbild ist in Bildsegmente aufgeteilt und mittels dreier Figurenszenen sowie eines axialen und linearen Kompositionsgerüsts gegliedert.

Die konventionelle Gliederung folgt klassischen "Weltgerichts-" oder "Gesetz und Gnade"-Darstellungen, in denen der Lehrinhalt dreiteilig durch Gegenüberstellung von These und Antithese sowie durch auflösende Überhöhung in einer Synthese vermittelt wird.

Für Dix, der lebenslang gerne auf alte Stoffe und Kompositionen zurückgriff und sich stets in der Tradition der Malerei sah, ist dieses Vorgehen typisch.

Auf der linken Seite stehen die Geißelung, ein feuerspeiender Panzer, Tote, Menschen in einem Verlies, aber auch die historisierende Architektur für die Kriegszeit. Der auferstehende Christus, die Friedenstaube, aufschießende Bäume und sonnige Felder, eine Mutter mit Kindern, aber auch ein Maurer vor Neubauten bezeichnen auf der gegenüberliegenden Seite sowohl für den Frieden wie auch für die "neue Zeit", die mit dem Wiederaufbau angebrochen ist.

Der in der axialen Mitte erhöht an einem Astkreuz hängende Christus vermittelt sinnstiftend zwischen beiden Bildhälften.

Zeittypisch wird der Versuch unternommen, Werte zu beschwören, die (noch) für alle Teile der Gesellschaft verbindlich waren. Die von unten links nach oben rechts aufsteigende Diagonale kann zusätzlich als Fortschritts- und Entwicklungslinie interpretiert werden: Allein durch das christliche Kreuzopfer hindurch führt der Weg in eine neue Zeit des Friedens.

Otto Dix und Singen

Otto Dix lebte seit 1936, wie viele Künstler der sogenannten „inneren Emigration", im Hegau bzw. auf der Bodenseehalbinsel Höri. Für viele der „Höri-Künstler" wurden die ab 1947 jährlich durchgeführten „Singener Kunstausstellungen" wesentliche Foren ihrer lange Zeit verfemten Werke.

Theopont Diez, der diese Ausstellungsreihe politisch absicherte, pflegte Freundschaften mit einigen „Höri-Künstlern" – so auch zu Otto Dix. Ein wesentliches Band zwischen beiden dürfte die im Dix´schen Spätwerk erkennbare Hinwendung zu christlichen Themen gewesen sein, welche mit dem christlichen Humanismus des konservativen, katholischen Nachkriegspolitiker Diez korrespondierte. Der Rekurs auf christliche, respektive bessere deutsche, d.h. humanistische Traditionen stand für eine Erneuerung in konservativ-traditionellem Sinne.

So verwundert es nicht, dass sich Theopont Diez vehement dafür einsetzte, dass Dix „ein Guernica" malt, das – nach den Erfahrungen des 2. Weltkrieges – „unsere Arbeit und unsere Verantwortung zwischen Krieg und Frieden" verdeutlichen sollte. Das für moderne Auftragswerke charakteristische Spannungsverhältnis zwischen Auftraggeber und Künstler lösten die beiden selbstbewussten Männer konstruktiv.
Diez insistierte, „die >Friedenslandschaft< kompositorisch gleichgewichtig" gegenüber der Kriegsseite zu gestalten; Otto Dix nahm sich die Freiheit, in der Darstellung der drei Christus-Figuren die konventionell-kirchliche Ikonographie zu durchbrechen und das Thema offener anzulegen.

Der Auftrag zum Wandbild

Die von Theopont Diez durchgesetzte "Ausschmückung" der repräsentativen Räume des Rathauses, setzt die didaktische Programmatik fort. Die Kunst am Bau sollte sich durch die Wahl symbolischer Themen mit dem Gebäude zu einer Einheit verbinden.

Das 5 x 12 Meter große Wandbild richtet den Ratssaal auf eine Schauwand hin aus. Für diese Arbeit musste der Architekt seine ursprüngliche "Forums"-Idee mit umlaufenden Besucherbalkon aufgeben; eine eigens errichtete Backsteinwand wurde der Betonwand vorgeblendet. Platziert ist das Wandbild hinter der Bank der Stadtverwaltung, so dass Besucher wie Gemeinderäte stets auf das Dix´sche "Mahnbild" schauen.

Oberbürgermeister Diez hat sowohl den Auftrag, das Thema wie auch den Anbringungsort wesentlich mitbestimmt und gegen Widerstände im Rat durchgesetzt.